Osaka - Japan

27 Mär

in Touren & Reisen | Autor: Isaak Papadopoulos | Tags: Japan, Osaka, Reisen

Osaka Seaside – aus dem größten Kabinenriesenrad der Welt

 

Typische Seitenstraße: kilometerlang geradeaus

Aus dem Tagebuch eines Inlinereisenden

 

 

„So manches Mal liegt der Reiz für mich im Unbekannten und im Abenteuer – in der Neugier, etwas anders anzugehen ...“

 

Highlights, bei denen Sie unbedingt dabei sein sollten Anlässlich meiner bisherigen Reisen auf Inlineskates bot sich mir vor allem die Gelegenheit, interessante touristische Reiseziele anders als üblich kennenzulernen. Wie wäre es mit einem Reiseziel, dass nicht vordergründig durch Monumentalbauten, Pyramiden, Paläste, Strände und gleichartige Sehenswürdigkeiten besticht? Dieses Mal sollte es ein Land sein, das auf den ersten Blick vielleicht kein typisches Touristenland ist. So manches Mal liegt der Reiz für mich im Unbekannten und im Abenteuer – in der Neugier, etwas anders anzugehen, als es unsere angelernten und oftmals viel zu selbstverständlichen Entscheidungsroutinen empfehlen. Der Ausflug nach Osaka sollte so eine Art von Reise werden, da für Mitteleuropäer vermeintlich nur wenig touristische Highlights locken. Dennoch hinterließ Osaka wie alle anderen Reiseziele zahlreiche Eindrücke, die die über 9.000 km weite Reise mehr als gerechtfertigt haben.
Irgendwie fing die Reise in das zehn Flugstunden entfernte Japan viel reibungsloser als gewohnt an. Am Check-In Schalter keine Schlange und ausnahmsweise gab es auch keine Schwierigkeiten mit den außen am Rucksack befestigten Speedskates. Bei der Platzsuche endlich ein Problem. Der vorgesehene Platz war belegt und so wurde ich von der Chefin an Board in die Business Class upgegradet. In Anbetracht der langen Flugreise eine glückliche Fügung. Welch ein Service und was für eine Beinfreiheit! Von dem silbernen Besteck und dem mehrgängigen Menü ganz zu schweigen. Kein schlechter Start.

 

Herr Kazuaki: „Fallen Sie mir mit Ihren rollenden Schuhen nicht in den Burggraben.“Entspannt am Kansai Airport angekommen, ging es in fahrerlosen Geisterzügen zum Bus in Richtung Osaka Stadt. Ich finde die Ankunft gehört mit zu den spannendsten Momenten in einem fremden Land. Den Blick noch in die Ferne gerichtet, habe ich ein heftiges Déjà-Vu – schon wieder Linksverkehr! Das wäre in Indien fast schief gegangen. Und zu allem Überfluss haben sich die japanischen Verkehrsplaner eine besondere Gemeinheit einfallen lassen: Auf allen Straßen herrscht Linksverkehr, auf Bürgersteigen und Radwegen hingegen Rechtsverkehr. Das ist gerade für Inlineskater ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn man wechselweise auf der Straße und den Bürgersteigen unterwegs ist, weil die Japaner penibel auf die Einhaltung der Kurze Pause in entspannter AtmosphäreStraßenverkehrsordnung achten. Nach einer kurzen Akklimatisierung im Hotel ging es auf Skates gleich los. Stadtplan und GPS-Uhr als Helferlein in der Orientierungsnot durfte ich nicht vergessen. Auffällig war nach den ersten Metern auf den Straßen Osakas, wie unglaublich viele Menschen hier unterwegs sind. Die meisten zu Fuß und beherzten Schrittes. Jeder scheint ein fixes Ziel vor Augen zu haben, das geradlinig angesteuert wird. Der Asphalt war überall von guter Qualität und auf Skates sehr gut befahrbar. Die Autos fahren, vom Linksverkehr mal abgesehen, ruhig und irgendwie diszipliniert. Falsch parkende Autos suchte ich vergeblich. Fußgänger standen in großen Gruppen geduldig an Fußgängerampeln – auch wenn weit und breit kein Fahrzeug zu sehen war. In kurzen Zeitintervallen fordert das grüne Ampelmännchen unterstützt durch ein schrilles Piepsen zum Überqueren auf. Irgendwie wirkte alles ein wenig ferngesteuert. Fast schon gespenstisch. Dennoch gut für Inlineskater. Ich konnte mich am scheinbar festen Regelwerk der hiesigen Verkehrsverhältnisse gut orientieren und kam so zügig voran. Hilfreich waren auch die zahlreichen Fahrradspuren, die am Straßenrand den Zweirädern deutlich den Weg weisen. Offenkundig auch hier ein gewisser Hang zur Uniformität. Es tummelten sich zwar zahlreiche Drahtesel auf den Wegen, von denen es jedoch nur zwei Modelle zu geben scheint: Damenräder mit riesigem Lenkerkorb oder Klappräder, die bei uns seit langem aus dem Straßen­bild verschwunden sind und deren Comeback noch in Vorbereitung ist. Auf den ersten Blick präsentierte sich Osaka wie eine typische Metropole mit vielen Hochhäusern und verspiegelten Fassaden. Allerdings nur auf den ersten Blick. Direkt hinter den Hochhausfassaden veränderte sich das Bild deutlich. Neben den Hauptverkehrsachsen erstreckt sich über das ganze Stadtgebiet verteilt ein streng symmetrisches Netz an Parallel- und Querstraßen. Hier reiht sich Haus an Haus. Vorgärten gibt es nicht und Bürgersteige bieten maximal Vierbeinern Raum. Da Kabel nicht unterirdisch verlegt werden, werden alle erdenklichen Strippen und Leitungen auf Höhe der Dachrinnenhöhe von Mast zu Mast gespannt und bilden ein spinnwebenartiges Kabelgeflecht. Dennoch haben diese Stadtviertel ihren besonderen Reiz. Auf Skates konnte ich diesen Straßen kilometerlang folgen und kam so von Stadtteil zu Stadtteil. Überall hängen illustre, bunt blinkende Werbetafeln. Zahllose Geschäfte präsentieren ihre Auslagen direkt am Straßenrand. Hier gab es wirklich nichts, was es nicht gibt! Vom 500 Euro Filetstück des Koberinds bis hin zur Schulmädchenuniform in Herrengröße und singenden WC-Sitzen mit USB-Anschluss. Zahlreiche Einkaufsstraßen sind im Laufe der Jahre mit einfachen Dachkonstruktionen versehen worden. So entstanden kilometerlange basarähnliche Einkaufsarkaden mit allem, was das Herz vermeintlich begehrt. Hier hatte ich besonders viel Spaß auf meinen Rollen. Ich wurde sehr häufig angesprochen, eingeladen und offenkundig bestaunt.

 

Night in Dotombori: „a must see“ in Osaka„Hier gab es wirklich nichts, was es nicht gibt! Vom 500 Euro Filet des Koberinds bis hin zur Schulmädchenuniform in Herrengröße und singenden WC-Sitzen mit USB-Anschluss.“

 

Da Japaner wie zahlreiche Asiaten überaus höfliche Menschen sind, werden sie auch nie unangenehm aufdringlich. Interessanterweise wirken sie aber überhaupt nicht kontaktscheu. So bot sich mir die Gelegenheit, mich mit vielen Menschen zu unterhalten. Ganz besonders gern erinnere ich mich an eine Situation, als ich im Umfeld einer der beiden „echten“ Sehenswürdigkeiten der Stadt, der „Osaka Burg“, gleich mehrfach auf meine „rollenden Schuhe“ angesprochen wurde. Es war Herr Kazuaki, der sich ernsthafte Sorgen um mein Wohlergehen machte. Ich könnte doch versehentlich stolpern und in den Burggraben stürzen. Es entwickelte sich eine lange und herzliche Konversation. Am Ende konnte ich ihn zwar nicht wirklich beruhigen, dafür aber die japanische Gastfreundschaft kennenlernen. Es war nicht so sehr das, was gesagt wurde, als vielmehr die Art und Weise wie man miteinander sprach. Diese überaus offene und positive Umgangsweise mit fremden Menschen ist mir nachhaltig positiv in Erinnerung geblieben. So ähnlich erging es mir auch mit anderen Japanern, die ich rollenderweise getroffen habe. So war es angesichts meines Faibles für asiatische Suppen eine mehr als glückliche Fügung, mehrfach verschiedenen Chefköchen über die Schulter schauen zu dürfen. Alles in allem sind diese persönlichen Eindrücke mein wertvollstes Mitbringsel aus Japan.

 

Tradition trifft Moderne: Shintenoji Tempel vs. HochhauskulisseAber natürlich kam das Inlineskaten in Osaka auch nicht zu kurz. Wie schon erwähnt, kann man in Osaka auf Skates gut vorankommen. Sinnvoll ist es, in der Rush-Hour am Morgen und Abend den Innenstadtbereich zu meiden. In diesen Zeiten schwillt der Verkehr doch recht ordentlich an. Die Schnellstraßen, die in mehreren Etagen kreuz und quer über die Dächer der Stadt laufen, sollten gemieden werden. Ebenso sollte man auch einen Bogen um die großen Brücken machen. Inlineskater fahren dann lieber am Ufer des Flusses Yodo entlang, der mitten durch die Stadt verläuft. Hier bietet sich die Möglichkeit auf Fahrradwegen landeinwärts zu skaten. Die Wege sind gut asphaltiert und recht breit angelegt. Durchaus eine Gelegenheit zum Schnellfahren. Wer es dagegen etwas ruhiger angehen lassen möchte, kann im weiträumig angelegten Park um die Osaka-Burg „cruisen“. Auf dem ca. sechs Hektar großen Areal gibt es zahlreiche Wege und Pfade, die zum Skaten einladen. Im Gegensatz zu den sonst eher kargen Grünflächen in der Innenstadt tut es auch mal gut, ein wenig Grün um sich zu haben. Wer möchte, kann natürlich auch hoch zur Burg und den Blick über die Stadt genießen. Wer dagegen lieber auf der Straße skatet, dem sei der Bereich um die Universal Filmstudios im Osten empfohlen. Dieser ehemalige Randbezirk hat eine nagelneue Infrastruktur, die kaum genutzt wird. Daher hat man hier die Möglichkeit, die Inlineskates richtig laufen zu lassen. Im Anschluss kann man bei Interesse die gleichnamigen Filmstudios besuchen. Ein kurzer Blick lohnt allemal. Wer länger bleibt, muss ernsthaft damit rechnen von Popeye oder dem rosaroten Panter & Co dauerhaft bespaßt zu werden. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass man in Osaka sehr gut skaten kann, sofern einem der Linksverkehr nichts ausmacht. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten entweder sportlich zu skaten oder im Rahmen von Sightseeingtouren viele kleine Highlights zu erleben.
Ein solches Highlight sind die zahlreichen buddhistischen Tempel, die man in großer Zahl innerhalb des gesamten Stadtgebietes findet. Ob groß oder klein, ob in Parkanlagen gelegen oder zwischen Hochhäusern eingeklemmt – ihnen allen ist gemein, dass sie Orte der Ruhe und der inneren Einkehr sind. Der Straßenlärm ist zwar im Hintergrund präsent, stört aber irgendwie nicht. Im Sekundentakt kommen Menschen für einen kurzen Abstecher in die Tempelanlage, um sich kurz und konzentriert zu besinnen.

 

Pachinko-Spielhölle mit einmalig furchtbarer GeräuschkulisseWas auf gar keinen Fall bei einem Osakabesuch fehlen sollte, ist ein Trip durch das abendliche Osaka. Auf Skates rollte ich z. B. gemütlich Richtung „Dotonbori“, einem der großen Vergnügungsviertel der Stadt. Schon der erste Anblick flößte Respekt ein. Hier wird nicht gekleckert. Riesige bunte und haushohe Leuchtreklamen so weit das Auge reicht. Wer schon einmal am New Yorker Times Square zu nächtlicher Stunde war, kann sich ein annäherndes Bild von den Dimensionen machen. Restaurants, Spielhallen, Karaokebars und Supermärkte buhlen um die Gunst der abendlichen Gäste. Die Auslagen in den Geschäften sind opulent, bunt und ziemlich kitschig. Überdimensionale Krabben und sonstiges Getier lockt in den Schaufenstern. A Must See. Die Stimmung war hier ebenfalls locker und ich hätte mich schon verstecken müssen, um nicht ins Gespräch zu kommen. Hier kann man ruhigen Gewissens auch etwas essen gehen. Wer sich nicht traut Fugu (Kugelfisch) zu bestellen, bleibt lieber beim normalen Sushi, das im Vergleich zum deutschen Remake auch recht exotisch aussieht. Als Alternative zum Essen kann man auch eine der zahlreichen Pachinko-Spielhöllen aufsuchen. Hat man einen ersten Schritt in die Türe gesetzt, wird man von dem ohrenbetäubenden Elektrolärm regelrecht verschluckt. Man kann sich der akustischen Signalflut der tausendfachen Aktions-, Gewinn- und Nietensignalen aus den Automaten nicht erwehren. Zu allem akustischen Unglück kommen noch Karaokeeinlagen und verschiedene Fernsehprogramme dazu. Umso verwunderlicher ist es, dass hinter den Pachinkoautomaten, die wie Glieder an einer Perlenkette aufgereiht sind, ebenso viele zumeist ältere Herren mit Anzug und Kravatte sitzen und scheinbar regungslos auf die Mischung aus Geld­spielautomat und senkrechtem Flipperautomat blicken. Jedem das Seine ...
Im Anschluss an meinen Besuch in diesem Viertel fuhr ich auf Rollen Richtung Innenstadt. Entlang der spärlich beleuchteten Nebenstraßen. Plötzlich erneut rege Betriebsamkeit, viele Men­schen kamen schein­bar aus dem Nichts, dunkle Limousinen fuhren im Sekundentakt in die schmalen Gassen hinein und hielten vor unscheinbaren Gebäuden. Haustüren flogen auf und einige weiß gepuderte Geishas öffneten mit tiefer Verbeugung die Autotüren. Arrivierte Herren entstiegen den Autos und entschwanden mit den Damen in die Häuser ... Weiter gings. Das nächtliche Osaka eignete sich im Übrigen sehr gut zum Nightskating, da sich die meisten Autos nur auf den großen vier- bis fünfspurigen Hauptverkehrsachsen tummelten. Vorteilhaft war auch, dass die viele Straßen sehr lang geradeaus laufen und so die Orientierung enorm vereinfachen. Gut auch, dass Schilder und Wegweiser zweisprachig gehalten sind. Daher ist ein GPS-Gerät zur sicheren Orientierung nicht zwingend notwendig.


Als Fazit kann ich festhalten, dass sich Osaka hervorragend eignet, um es auf Rollen zu entdecken. Man hat auf Skates einen deutlich erweiterten Aktionsradius, kommt schnell von A nach B und ist unabhängig von anderen Verkehrsmitteln. Ansonsten sollte man den Empfehlungen eines mitgebrachten Reiseführers keinen zu hohen Stellenwert einräumen. Vielmehr sollte man auf Inlineskates eine eigene Abenteuertour starten und so viele Details und Situationen erleben, die einen tieferen Einblick in die Stadt ermöglichen. Schließlich wirken die Skates wie eine Art Kontaktkatalysator, da man recht häufig darauf angesprochen wird. Alles in allem eine gelungene Entdeckungstour in Japans drittgrößte Stadt, an die ich immer wieder gerne zurückdenke.
Wer Lust hat sich auch ein paar bewegte Bilder aus Osaka anzusehen: www.skate-tv.de

 

Fotos Chairman Mao etc.