Nordic Skating

30 Jun

in Training-Technik-Gesundheit | Autor: Stefanie Mollnhauer | Tags: Ausdauertraining, Nordic Blading Tour, Nordic Skating

Auf dem Weg zur Parzelle Hagen

2 x 4 WD – 165 SL: Eine neue Trainingsfor­mel,die einer kurzen Erklärung bedarf
Auf Inlineskates mit Stockunterstützung auf den Hausberg von Bregenz hochfahren. Aus der Idee – „Nordic-Blading ist wie Autofahren mit Allradantrieb“ – ist der folgende, zunächst etwas verrückt anmutende, Nordic-Blading-Versuch entstanden. Beim Nordic-Blading wird der Vortrieb aus den Beinen und Armen realisiert, so dass der Vergleich dem Allrad durchaus Stand hält. Sportwissenschaftliche Studien belegen, dass die obere Extremität durch den Stockeinsatz nochmals 12 % mehr Leistung beisteuert, im Vergleich zum „normalen Inline­skaten“.

Animiert vom Skilanglauf-Skating
und der Tatsache, dass Skilanglauf zu den Sportarten mit dem höchsten Kalorienverbrauch gehört, wollten wir eine anspruchsvolle, gleichmäßige Belastung auch auf Inlinern setzen. Erfahrungsgemäß macht Nordic-Blading auf flachen oder kupierten Fahrradwegen wenig Sinn, denn die hohe Endgeschwindigkeit, die durch den zusätzlichen Vortrieb mit den Stö­cken entsteht, ist vor allem für ungeübte Skater, gerade bergab eher gefährlich.Stefanie Mollnhauer beim Training Hinzu kommt, dass trotz Gummipuffer oder Hartmetallstockspitzen der Grip, den die Stöcke auf dem Asphalt bieten, nicht optimal ist. Weiter kann der kurze harte Stockeinsatz sehr schmerzhaft für den Schulter- und Nackenbereich empfunden werden. Trotzdem ist der weiche, runde harmonische Bewegungsablauf der Nordic-Bladingtechnik, bei dem der ganze Körper ausgewogen in Bewegung ist, als Ausdauersportart sehr gesund einzustufen. Skilangläufer nützen diese Erkenntnis ja schon lange für das Imitationstraining auf Rollskiern. (Bei diesen speziellen Trainingsgeräten ist der Rollwiderstand zusätzlich manuell einzustellen.)

6,5 km geschafft und das sogar schneller als mit dem MountainbikeInlineskates sind wahre Laufwunder
Hochwertige Modelle weisen einen kaum spürbaren Rollwiderstand auf. Genau dieses Phänomen lässt das Skaten an warmen Sommertagen dank ausreichender Windzirkulation zum puren Genuss werden. Für das Nordic-Blading ist diese – schon ohne Stöcke – hohe Geschwindigkeit jedoch eher ein Nachteil, so dass für das Nordic-Blading extra Skates mit weichen, langsameren Rollen konzipiert wurden. Auch ein selten vorkommendes Phänomen: Ein hoch technisiertes Sportgerät extra wieder langsamer zu machen!
Aus obigen Vorüberlegungen entstand dann die Idee unseres Selbstversuchs, nämlich auf Inlineskates einen Berg der ersten Kategorie (Bezeichnung aus dem Radsport für extrem schwer zu bezwingende Berge) zu bezwingen, auch um das vorhandene allerfeinste Material (Highend-Speedskates und ultraleichte Karbonstöcke) mal richtig zum Einsatz zu bringen!

Nordic-Blading bergauf – 7 km, 650 Hm, maximale Steigung 15 %, durchschnitt­liche Steigung 10 %
Klingt wild, ist es aber nicht. Vorerfahrungen aus dem Skilanglaufbereich lassen die Belastung als machbar einstufen. Um eine gleichmäßige, anspruchsvolle Belastung zu setzen und trotz dieser neuen Belastungsform auch oben anzukommen, haben wir zuvor einen Laktat-Stufentest auf dem Fahrradergometer absolviert.

Exkurs: Laktat-Leistungsdiagnostik auf dem Fahrrad
Hierbei wird bei rampenförmig ansteigender Belastung ein Stufentest bis zur Ausbelastung auf dem Radergometer absolviert. Am Ende jeder Belastungsstufe wird die Laktatkonzentration bestimmt und die Herzfrequenz notiert. Aus den Parametern lassen sich dann individuelle Belastungsbereiche festlegen, die unterwegs anhand der Herzfrequenz einfach überprüft und eingehalten werden können. Unser Ziel war es an der sogenannten individuellen anaeroben Schwelle den Berg hochzufahren.

Die Tourplanung
erfolgte so, dass der Abstieg mit der Pfänderseilbahn problemlos möglich war. Ein kurzer Anruf zuvor bei der Geschäftsleitung, ob auch Inlineskater befördert werden, wurde für unser kurz geschildertes Vorhaben spontan bejaht. Die Tour beginnt auf dem Parkplatz der Pfänderbahn in Bregenz. Von dort müssen 200 m leicht bergab bis zum Uferweg des Bodensees zurück gelegt werden.

Die ersten drei Kilometer geht es direkt am See entlang

Der flache Beginn ist ideal zum Einrollen, um den Körper auf Betriebstemperatur zu bringen. Die Stöcke schwingen locker in 2-1-Technik mit, um in den Rhythmus zu kommen. Wer den Oberkörper schneller aufwärmen möchte, kann die 1-1-Technik oder den Doppelstockschub anwenden. Leider ist es an unserem „Versuchstag“ noch zu kalt, um ein Bad im See zu nehmen, aber es bietet sich ein wunderbarer Blick über den See auf die Insel Lindau und die Schweizer Berge im Hintergrund. Im Hochsommer ein echtes Eldorado für Badefreunde. Unmittelbar nach dem Strandbad in Lochau überquert man die Bahnstrecke und die Straße an einer Ampel. Man folgt dem leicht ansteigenden Radweg geradeaus. Hier spürt man erstmals die kraftvolle Unterstützung der Stöcke. Ein kurzes Stück nach links auf dem Gehsteig der Hauptstraße entlang führt direkt zum Kirchplatz mitten in Lochau. Ein letzter Ausrüstungscheck: Sitzt der Rucksack richtig, sind die Stockschlaufen richtig festgezogen und die Schuhe ordentlich zugeschnürt? Am Gemeindehaus Lochau beginnt unmittelbar die 7 km lange Steigung bis zum Gipfel.

Stefanie Mollnhauer beim TrainingGleich zu Beginn wartet ein 15 %-iger Anstieg

Die ersten zwei Kilometer geht es stetig steil bergauf. Aber dank unseres vorbestimmten Ausdauerpulses und dem Polar Pulsmesssystems können wir unsere Geschwindigkeit gut kontrollieren. Wichtig ist es zu Beginn nicht zu schnell anzugehen, denn der Berg ist noch lang. Kurz nach dem Ortsausgang bietet sich ein grandioser Blick auf den See, aber wir gönnen uns nur einen kurzen Blick nach rechts und bleiben hart am Puls. Die alte Pfänderpassstraße führt nun kurvenreich durch den Wald. Fauna und Flora erzeugen ein ganz spezielles Mikroklima. Der Wald lichtet sich und die ersten 200 hm sind bei der Parzelle Haggen geschafft.
Wieder erwartet uns ein traumhafter Blick über den See. Ein kurzes Flachstück lädt zum Verschnaufen ein, bevor es bis zum Berggasthaus Fritsch die nächsten 2 km weiter kräftig ansteigt. Hier ist ungefähr Halbzeit der Tour. Wer den immer genialer werdenden Blick länger genießen möchte, kann dies hier bei zünftigen Kässpatzen, den vielleicht besten der Region, gerne tun oder eine leichtere Jausenvariante aus der umfangreichen Speisekarte wählen.

Vom Frühling in den Winter

Von nun an steigt die Straße „nur“ noch mit 8 bis 9 Prozent. Eine willkommene Erholung, denn die ersten 4 Kilometer stecken uns schon noch etwas in den Armen. Landschaftlich wechseln sich Wald und Wiesen ab – optische Langeweile kommt hier nicht auf! Am Straßenrand liegt ab hier auch noch etwas Schnee – Anfang März auf 800 m allerdings keine Seltenheit, immerhin sind die Straßen frei! Doch kurz vor dem Gipfel hat Frau Holle etwas kräftiger geschüttelt und die Straße ist mit einer hauchdünnen Schneeschicht bedeckt! Mit Inlinern auf Schnee? Spätestens hier wird auch der eingefleischteste Speedskater über seine Stöcke froh sein. Dank „Allradantrieb“ meistern wir – unter misstrauischen Blicken der Wanderer – den letzten Kilometer bis zum Gipfel. Sehr sicher haben wir uns dabei nicht mehr gefühlt, aber die Stöcke haben Schlimmeres verhindert. Und die eingangs erwähnte „neue Trainingsformel“ wurde hier geboren. 2 x 4WD-SL165 steht für zwei Skates mit je vier Rollen, WD für Wheels Drive und 165 SL für 165 cm Stocklänge.

TrainigsstreckeVom Winter zurück in den Frühling
Nicht ganz ohne Stolz sind wir nach knapp eineinhalb Stunden Fahrtzeit und 10 km zurückgelegter Fahrstrecke oben angekommen. Dank Pulsmesser immer schön kontrolliert an der Schwelle. Für untrainierte Skater sicher nicht unbedingt ideal, für alle anderen eine gut machbare, erlebnisreiche und sehr effektive Trainingseinheit!
Zurück ins Tal ging es mit der 80-Personengondel der Pfänderbahn. Die abschließende Gondelfahrt mit Weitblick über den See als besonderer Leckerbissen zum Schluss der Tour sucht ihresgleichen.