Nordic Blading Tour "Auf dr Schwäbischa Eisabahna"

11 Jan

in Touren & Reisen | Autor: Johannes Wörz | Tags: Ausrüstungen, Nordic Blading Tour, Oberschwaben, skate-Ausrüstung, Tourenskaten

Nordic Blading quer durch Oberschwaben

 

Tourenskaten – Grenzenloses Vergnügen auf Radwegen


Im Inline-Express von Ulm an den Bodensee. Spaß pur – auf leichten Gefällstrecken kann man sich hintereinander einreihen und den Windschatten genießen. Die Stöcke sind leicht auswärts abwärts zu halten, um Verletzungen zu vermeiden.  Das Tempo wird von hinten nach vorne im Zug weitergegeben.Was Freunde des Zweirads längst als Freizeit­spaß für sich reklamieren, entdecken nun auch Inlineskater als eine willkommene Abwechslung. Bei einem Trip auf Skates die Schönheiten der Landschaft genießen und dabei ganz nebenbei die Fitness steigern, erfreut sich auch in der Skatergemeinde einer immer größeren Beliebtheit. Alles was man dazu benötigt, sind ein Paar Skates, Bladingstöcke und eine Portion Ortskenntnis bei der Planung. Die Routenwahl sollte nämlich gründlich durchdacht sein, will man verhindern, dass unpassendes Gelände wie steile Abfahrten, verkehrsreiche Straßen oder eine Schotterpiste zur frühzeitigen Umkehr zwingen. Verfügt man über einen erfahrenen Guide, kann man sich die Mühe sparen, einschlägiges Kartenmaterial zu studieren oder vor Ort zu recherchieren, um auch tatsächlich eine optimale und durchgehend asphaltierte Piste zu finden.

 

Skaten in „Michas“ Westentasche


Mit Michael Merz stand einer kleinen Gruppe von Jugendlichen ein erfahrener Guide zur Seite, der das Radwegenetz zwischen Ulm und Bodensee wie seine Westentasche kennt. Als Trainer des Powerslide-Slalomteams vertritt „Micha“ ein Konzept der Vielseitigkeit, indem er neben dem Stangentraining auf die verschiedenen Varianten des Rollsports setzt. Dazu sind ihm neue Herausforderungen überaus willkommen. „Spaß und Vergnügen an der Bewegung zu vermitteln, sind mir ebenso wichtig wie Kondition und Technik zu schulen“, begründet der Coach das Vorhaben, sich auf den Spuren der im Volkslied besungenen „Schwäbischen Eisenbahn“ zu bewegen. Dass zudem noch ein intensives Gruppenerlebnis dabei herausspringt, ist dem erfahrenen und versierten Trainer nur willkommen.
Auf dr schwäb`scha Eisabahna gibt`s gar viele Haltstationa, Schtuaget, Ulm ond Biberach, Meckabeura, Durlesbach.
So steht es im schwäbischen Volkslied von 1853 – Passagen aus dem Reisebericht sollen verdeutlichen, wie die jugendlichen Skater den Zweitagestrip 2009 empfanden und einschätzten:


Kick-Off Ulm


Am Ulmer Münsterturm kann sich auch der Fremde in der Stadt orientieren. Für die Gruppe war es der Ausgangspunkt für eine außergewöhnlich schöne Inline-Tour. Je nach konditioneller Verfassung kann eine Turmbesteigung als Warm-Up ins Auge gefasst werden. 768 Stufen führen über drei Aussichtsplattformen vorbei an dreizehn Glocken, der Türmerstube bis in die Spitze des höchsten Kirchturmes der Welt. Wer das Ziel dort oben erreicht, wird ergriffen von der Ehrfurcht für ein grandioses Bauwerk. Er überragt in seiner Schönheit und seiner Höhe die Stadt und bietet einen einmaligen Ausblick über das Illertal und bei Glück bis zu den Allgäuer Alpen und dem Säntis.Bevor uns der Weg aus der schwäbischen Metropole hinaus in ländliche Regionen führt, folgen wir noch ein kurzes Stück der Donau, bewundern die gepflegten Uferanlagen und genießen das Glitzern des gemächlich dahinfließenden Stromes. Auf der Fahrt nach Süden markiert der hoch in den Himmel ragende Turm des Ulmer Münsters wie ein überdimensionaler Zeigefinger noch lange den Ausgangspunkt.
Während wir das lärmende Straßen- und Häusermeer hinter uns lassen, wandelt sich die Szenerie schnell in eine von Ruhe und natürlicher Vegetation geprägte Landschaft. Im Vollbesitz unserer Kräfte geht es mit flottem Schritt in Richtung Laupheim, zur ersten größeren Zwischenstation.


25 Kilometer sind geschafft,


als wir das Städtchen nach einer kurzen Rast hinter uns lassen und entlang der munter plätschernden Riß gemütlich dahinrollend unser nächstes Ziel, Biberach, anpeilen. Ein leichter Nordostwind bläst unterstützend von achtern und sorgt dafür, dass wir auf Sparflamme bladen können. Auch daran hat unser Führer gedacht. Den richtigen Wind abzuwarten, gehört ebenso zu den logistischen Herausforderungen wie die Auswahl der Rastplätze, wo neue Energie in Form von Flüssigkeit und fester Nahrung getankt werden kann.


Am idyllisch gelegenen Ummendorfer Badesee,


südlich von Biberach, erscheint die Natur be­sonders intensiv. Hier lässt es sich aushalten und rasten. Während wir Getränke, Müsliriegel und Obst aus den Rucksäcken kramen, schweift unser Blick sehnsüchtig über die glatte  Wasseroberfläche. Eine Abkühlung wäre jetzt genau das Richtige. Das nächste Mal müssen unbedingt noch Badeklamotten und Handtuch in die Rucksäcke rein!
Als Micha uns mitteilt, dass wir die 50 km-Marke passiert haben, erfasst uns ein Gefühl des Stolzes. So eine lange Strecke auf Skates bewältigt zu haben, ist für einige unter uns ein Premieren­erlebnis. Dass keiner bisher schlapp gemacht hat oder das Unternehmen als Tortur empfindet, liegt nicht nur am fehlenden Gegenwind, sondern auch an der abwechslungsreichen Umgebung. Mal präsentieren sich kühle Alleen in einem malerisch-bizarren Licht- und Schattenspiel, mal sorgen Wiesen und Felder mit sattem Grün und kräftigen Erdtönen für leuchtende Hintergründe, von denen sich die Fahrer mit ihren bunten T-Shirts wie Farbkleckse abheben. Man spürt die Sinne erwachen, das Schauspiel der Natur wird zum Genuss für Körper, Geist und Seele.


Das Tagesziel vor Augen


Viele Abschnitte der Tour verlaufen auf der Oberschwäbischen Barockstraße. Nach Weingarten geht es hier im Eilzugtempo vorbei am Kloster Weißenau. Es war ein reichsunmittelbares Chorherrenstift der Prämonstratenser nahe der ehemaligen Freien Reichsstadt Ravensburg. Es bestand von 1145 bis zur Säkularisation 1802/1803. Anfang des 18. Jahrhunderts fiel die Entscheidung zu einem Neubau des Klosters. In Auftrag gegeben von Reichsprälat Mauch und geplant vom Konstanzer Baumeister Franz Beer von Blaichten erfolgte auch ein Neubau der Abteikirche in barockem Stil, der 1724 fertiggestellt wurde. Wer mehr wissen möchte, kann in dem wunderschönen Klosterhof eine kleine Pause einlegen und sich voll der Kultur hingeben.werden noch einmal alle Kräfte mobilisiert, zumal zuvor noch einer der wenigen Aufstiege zu bewältigen ist. Der führt mitten durch das Gestüt Allgaierhof. Herden von Warmblütern folgen uns mit neugierigem Blick, schnauben nervös, werfen ihre Köpfe nach oben oder tänzeln grazil auf der Stelle. Das kratzende Geräusch einer Stockspitze wirkt plötzlich wie der berühmte Funke im Pulverfass. Die Meute stürmt davon, um nach wenigen Sekunden den rasanten Galopp wieder abzubremsen und zur Ruhe zu kommen. Dass Menschen, die sich auf Rollen mit Hilfe von Stöcken fortbewegen, den Vierbeinern fremd sind, überrascht nicht. Bisher sind uns auf der Tour nur einige wenige Radfahrer begegnet, geschweige denn Skater. Übrigens auch ein Aspekt, den Micha Merz besonders schätzt: Die „Transitstrecke“ zwischen Donau- und Bodenseeradweg ist kaum befahren, gewährt uns daher jede erdenkliche Ellbogen- und Bewegungsfreiheit.
Am Übernachtungspunkt Aulendorf angekommen wissen wir, warum Nordic Blading unter die Kategorie Ganzkörpersportarten fällt. Muskeln in Schultergürtel und Oberarmen signalisieren ebenso wie die Oberschenkel, dass mit der heutigen Dauerbelastung das normale Arbeitspensum bereits überschritten ist. Ein ausgedehntes Stretchingprogramm soll ausgleichend wirken; ebenso wie die anschließende warme Dusche und das köstliche und reichliche Abendessen. Schlagartig überfällt uns die Müdigkeit und zwingt uns frühzeitig in die Betten.


Tag 2 – Warm-Up in the Morning


Nachdem wir unser Gepäck am nächsten Morgen in das bereitstehende Kurierfahrzeug verfrachtet haben, machen wir uns auf in Richtung Süden. Die Nachwehen der Strapazen des Vortages sorgen dafür, dass sich der eine oder andere steifer und etwas ungelenkiger bewegt. Da hilft jedoch nur eines: Die Zähne zusammenbeißen und im Tross mitrollen. Nach ein paar Kilometern hat sich der Körper wieder daran gewöhnt, die Muskulatur scheint sich ihrem Schicksal zu ergeben und mit dem Unausweichlichen zu arrangieren.

Skaten auf der schwäbischen Barockstraße
Nachdem wir Bad Waldsee und Weingarten hinter uns haben, veranlasst uns ein markantes Gebäude zu einem kurzen Stopp. Es ist die im barocken Stil erbaute Klosterkirche St. Peter und Paul in Eschach, einem Ortsteil von Weißenau, die uns mit ihrer wuchtigen Fassade und den beiden pompösen Türmen beeindruckt. Da Kleidung und Zeitplan jedoch kulturelle Exkursionen nicht zulassen, suchen wir vor dem holprigen Kopfsteinpflaster des Kirchplatzes auch schnell wieder das Weite.


Dem Bodensee zum Schmecken nah


Streckenansicht Dass wir dem Schwäbischen Meer näher kommen, signalisieren uns Veränderungen in der Landschaft. Abgeerntete Hopfenanlagen, deren Gestänge wie überdimensionale Zahnstocher emporragen, unterbrechen hier und da die schier unüberschaubaren Flächen mit Obst- und Spalierbäumen. Das milde Seeklima wirkt offensichtlich weit ins Hinterland und sorgt für ein üppiges Wachstum.
Unsere müden Glieder bedürfen dringend einer Regeneration. Vor Meckenbeuren lädt eine Parkbank zur Rast ein. Wir kommen der Verlockung gerne nach und lassen uns nieder. Die letzten Vorräte werden verzehrt, damit uns möglichst wenig Ballast beim „Endspurt“ behindert. Wir befinden uns einige Kilometer vor Friedrichshafen, sozusagen auf der „Zielgerade“. Was hinter uns liegt, beflügelt uns auf den letzten Metern ebenso wie das Bewusstsein, die ca. 120 km lange Strecke tapfer und ohne Schaden bewältigt zu haben. Das wohltuende, die schmerzenden Glieder betäubende Gefühl des Stolzes macht sich breit und beflügelt noch einmal unsere Schritte.


Endlich liegt er vor uns, der See.


An der Uferpromenade von Friedrichshafen steht unser Bus, den wir für den Gepäck- und Rücktransport gechartert hatten. Bevor wir allerdings dem wunderbaren, sonnendurchfluteten Panorama den Rücken kehren, gönnen wir uns eine ausgiebige Hafenbesichtigung, inklusive Einkehr in einem der vielen Straßencafes. Die anlegende Autofähre beflügelt unsere Phantasie und lässt uns bereits neue Pläne spinnen, für eine Fortsetzung der Tour auf österreichischem oder schweizerischem Terrain, rheinaufwärts bis nach Chur.

Nach zwei eindrucksvollen Skate-Tagen, mit einer vielfältigen Mischung aus Natur-, Sport- und Kulturerlebnissen hat die Gruppe das Ziel Friedrichshafen erreicht. Der Hafen lädt zum Verweilen ein. Die Segelboote und die Temperaturen lassen ein mediterranes Flair aufkommen. Das verdiente Bad im Bodensee lockerte die Muskulatur bei herrlich spätsommerlichen Temperaturen.

Sicher Nordic Bladen – Spielregeln in der Gruppe
Wenn man auf Skates in der Gruppe unterwegs ist, sind untereinander abgesprochene Zeichen und Verhaltensregeln sehr wichtig, um Kollisionen zu vermeiden. Gerade beim Nordic Bladen sieht man nicht unbedingt über den vorausfahrenden Skater hinweg. Deshalb ist es wichtig, dass einfache Signale vereinbart werden.
Hier eine kleine Auswahl, die beliebig erweitert bzw. nach persönlichen Vorlieben oder Absprachen abgewandelt werden kann:
Tempo verlangsamen
      - rechte Hand heben
Stopp
      - linke Hand heben
Bodenunebenheiten
       - beide Hände werden  

          nach unten gehalten

Fahrtrichtungswechsel (links/rechts) 

        - linke bzw. rechte Hand  
          zur Seite ausstrecken

 

 

Sicher Nordic Bladen – Ausrüstung und Verhalten

Da beim Nordic Bladen ein ganz schönes Tempo gefahren werden kann und Stürze grundsätzlich nicht auszuschließen sind, zählt der Schutzhelm zum absolut obligatorischen Equipment. Handschoner behindern das Greifen des Stockes, sind daher nicht empfehlenswert. Es eignen sich Fahrrad- oder dünne Langlaufhandschuhe, oder spezielle Nordic Blading Handschuhe. Inwieweit Ellbogen- und Knieschützer übergezogen werden müssen, entscheidet jeder Skater, je nach Könnensstand und dem damit für ihn verbundenen Risiko, für sich selbst.

Hinsichtlich des Verletzungsrisikos sollte man die Stockspitzen nicht unterschätzen. Bei qualitativ hochwertigen Nordic Blading Stöcken werden diese aus Hartmetall gefertigt, um einen möglichst guten Grip im Asphalt zu erzielen. Aufsteckbare Gummischoner sind zwar wesentlich sicherer, gehen aber leider zulasten eines ausreichenden Abstoßimpulses, insbesondere bei höheren Geschwindigkeiten. Meist haben diese Stöcke keine Teller. Vorsicht ist also angeraten, damit diverse Extremitäten nicht in unmittelbaren Kontakt mit den scharfkantigen Metallteilen geraten. Vor allem in der Gruppe ist besonders darauf zu achten, dass man nicht auf den nach hinten schwingenden Stock des Vordermannes auffährt. Die Stöcke sollten auf jeden Fall leicht nach hinten außen geschwungen werden. Nur so kann der nachfolgende Skater den Windschatten ideal ausnützen. Wem das zu gefährlich ist, hält am besten zum Vordermann und seitlich genügend Abstand.

Die Augen sollten nicht nur gegen Sonnenstrahlen geschützt werden. Eine entsprechende Brille hält auch aufgewirbelten Staub und die bereits angesprochenen Stockspitzen des Vordermanns fern. Also deshalb beim Nordic Bladen immer Brille tragen, auch wenn keine Sonne scheint. Beim Schussfahren die Stöcke bodenparallel bzw. die Stockspitzen nach hinten abwärts halten.

Ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist nicht nur in Pausen, sondern auch während der Fahrt dringend ratsam. Das Prinzip des Camelbak stellt im Vergleich zu Flaschen o.  ä. Gefäßen die funktionalere Lösung dar. Das lästige Öffnen und Schließen der Stockschlaufen entfällt, womit gleichzeitig ein Beitrag zur erhöhten Sicherheit geleistet wird.


Text und Fotos: Dr. Wolfgang Schrader, Johannes Wörtz