Interview mit Roberto Marotta

21 Aug

in Interviews | Autor: Gaby Junginger | Tags: Interview, Roberto Marotta

Präsident der CIC (Comité International de Course) und General­sekretär der FIRS (Féderation Internationale de Roller Sports)

 

„Wir repräsentieren den Sport des 21. Jahrhunderts!“

 

Roberto Marottaskate-IN: Wir sind hier in Shanghai, ein sehr besonderer Platz für unser Treffen. Dieses Mal geht es nicht um Speedskating, sondern um die Weltmeis­terschaften im Freestyle Slalom. Bitte sagen Sie mir, wie ist die Position der FIRS bezüglich dieses Sports?

Roberto Marotta: Die FIRS ist der einzige vom IOC anerkannte Dachverband für alle Rollsportarten. Wir wissen, dass es auf der ganzen Welt viele verschiedene Rollsportdisziplinen gibt. Der zentrale Beschluss der FIRS besteht darin, den vielen verschiedenen Sparten dabei zu helfen sich zu entwickeln, größer und bekannter zu werden und so verschiedene Zweige innerhalb unseres Verbandes zu repräsentieren. Das ist auch der Grund dafür, warum wir seit etwa acht Jahren den Inline Downhill-Sport fördern. Dieses Jahr fand bereits die neunte Ausgabe der Downhill Weltmeisterschaften statt. Auf die gleiche Weise haben wir vor vier Jahren angefangen Freestyle zu unterstützen und regelmäßige Weltmeisterschaften durchzuführen. Wir arbeiten derzeit daran, der weltweiten Freestyle-Bewegung den Zugang zu den jeweiligen nationalen Verbänden zu ermöglichen und versuchen den Freestylern dabei zu helfen, von ihren eigenen nationalen Verbänden anerkannt zu werden und in jedem nationalen Verband eigene Fachgruppen zu bilden. Damit können sie dann auch offiziell Teil der Rollsportbewegung in ihrem Land sein.

skate-IN: Wie kann das funktionieren? Wie wir wissen ist das Freestyle Skating in Deutschland nicht sehr groß. Treten Sie auch mit dem deutschen Verband in Kontakt?

Roberto Marotta: Wir in­formieren alle unsere Mitglieder, auch den deutschen Verband, darüber, dass die FIRS es sich zum Ziel gesetzt hat sämtliche Rollsportdisziplinen weiter­zuentwi­ckeln und wir bitten alle Mit­glieder diesen Dis­ziplinen die Türen zu öffnen. Damit meine ich nicht nur Freestyle, sondern auch Downhill oder Skateboard. Einige Verbände folgen unserem Rat, andere nicht. Die meisten, die es nicht tun, machen dies aus der Angst heraus, dass sie ihre finanziellen Mittel auf die verschiedenen Sparten aufteilen müssen. Aber manchmal ist das gar nicht der Fall, da einige Disziplinen durchaus das Potenzial haben ihre eigenen Sponsoren zu gewinnen und durch eigene Kraft zu überleben. Das einzige, worum wir die nationalen Verbände gebeten haben, ist, den jungen Rollsportzweigen zu helfen regulärer Teil der nationalen Organisation zu werden. Das bedeutet auch, dass sie Teil der FIRS werden und die Welt des Rollsports in den kommenden Jahren weiter wächst.
Das ist es auch, was wir der IOC immer wieder sagen. Sie müssen unseren Sport als olympischen Sport anerkennen, denn wir repräsentieren den Sport des 21. Jahrhunderts, den Sport der Jugend des 21. Jahrhunderts – und Freestyle repräsentiert dieses Gefühl einfach perfekt. Die jungen Leute können die Zeit genießen, auf den Straßen, den Plätzen skaten, einfach überall. Freestyle ist eine leichte Disziplin, die von allen jungen Leuten auf der ganzen Welt gelebt wird.

skate-IN: Wie schaffen wir es, die nationalen Verbände auf dieses Thema aufmerksam zu machen?

Roberto Marotta: Ich werde als General­sekretär der FIRS mein Bestes versuchen und alle Verbände inständig darum bitten den verschiedenen Sparten im eigenen Land zu helfen. Aber ich weiß auch, dass das nicht leicht werden wird, denn manchmal fühlen sich die Offiziellen der nationalen Verbände ganz speziell mit einer Disziplin verbunden und sind dann nicht bereit bzw. gedanklich nicht so offen, um die Tür für die anderen zu öffnen. Aber das ist ein Prozess und ich bin sicher Schritt für Schritt können wir dieses Ziel erreichen.

skate-IN: Auf der anderen Seite fördern die Skatefirmen diese Art des Skatings bereits. Roller­blade, K2 und Powerslide kreieren dafür sogar besondere Skates. Könnte es also auch funktionieren, wenn die Marken für diesen Sport kräftig die Werbetrommel rühren?

Roberto Marotta: Ja. Wir wissen, was auf der Welt passiert und die Industrie ist natürlich auch interessiert, weil sie sieht, dass für diese neuen Disziplinen, wie beispielsweise Inline Alpin, ein Markt existiert. Inline Alpin ist im Grunde wie Slalom, wie Ski fahren. Das kann eine große Zukunft haben. Die Industrie ist also sehr gewillt den neuen Rollsportarten die Tür zu öffnen und sie groß zu machen – und wir sind es auch. Wir wollen alle Rollsportdisziplinen repräsentieren und deshalb unterstützt die FIRS diverse Events wie z. B. dieses Jahr hier in China die Freestyle Weltmeisterschaften. Das einzige, worum wir die Freestyle-Fahrer bitten ist, zu versuchen die Regeln weltweit zu vereinheitlichen, denn wir haben da momentan noch einige Unterschiede zwischen dem asiatischen und dem europäischen Regelwerk. Während der letzten zwei Jahre habe ich versucht alle gemeinsam an einen runden Tisch zu holen, um die Regeln zu vereinheit­lichen, denn die Ursache, warum wir dieses Jahr in China nur eine geringe Beteiligung europäischer Länder haben, liegt an dem anderen Regelwerk, das wir in Europa benutzen. Es ist also ein sehr wichtiges Thema. Wir leben in einer kleinen Welt, und es macht keinen Sinn diese kleine Welt in zwei Teile zu teilen.

skate-IN: Stimmt es, dass zwei Verbände existieren?

Roberto Marotta: Für Freestyle? Ja, wir haben den WSSA und den IFSA. WSSA ist der asiatische und IFSA der europäische. Im Februar dieses Jahres habe ich ein Treffen in Rom einberufen. Wir haben alle an einem runden Tisch gesessen, aber ich bin nicht der Experte. Ich sagte nur: „Das ist das Problem und ihr müsst euch zusammensetzen und es lösen.“, aber bis heute ist dies nicht geschehen.

skate-IN: Also gibt es auch zwei Weltmeisterschaften?

Roberto Marotta: Nein, das ist absolut falsch. Wir haben nur eine Weltmeisterschaft und das ist die der FIRS.

skate-IN: Wie wir ja schon gehört haben, wird die Rollsport-Familie größer ...

Roberto Marotta: Ja, wir sagen gewöhnlich, wir haben 50 Millionen skatende Menschen auf der Welt. Das IOC fragt mich dann: „Wie könnt ihr das überprüfen, dass so viele Menschen skaten?“ Ganz einfach: Die Industrie produziert Skates und verkauft pro Jahr mindestens 5 Millionen Paar. Wenn wir das auf zehn Jahre hochrechnen, haben wir 50 Millionen Skater. Und ein Skate ist nach zehn Jahren nicht kaputt. Überall auf der Welt kann man Menschen in Parks skaten sehen und das sind keineswegs nur Topskater, sondern alle, auch Familien. Und genauso bei den Marathons, z. B. dem Berlin Marathon mit 8.000 Skatern. Die Familien genießen das Leben und unseren Sport, der ja auch für den Schutz der Umwelt steht und wirbt. Skaten ist ein ökologischer Sport und in einigen großen Städten, wie beispielsweise Bogotà, sperrt der Bürgermeis­ter am Sonntag sogar die Hauptstraße, damit die Leute dort skaten können. Und in dem sie den Menschen erlauben zu skaten und Rad zu fahren, reduzieren sie gleichzeitig die Umweltverschmutzung in dieser großen Stadt. Es gibt also gute Gründe dafür, unserer Rollsportwelt wachsen zu helfen.

skate-IN: Ja, aber nichtsdestotrotz ist die Entscheidung des IOC gegen das Skaten gefallen, wir werden kein Teil der olympischen Familie!

Roberto Marotta: Das ist eine sehr sehr traurige Geschichte. Wir haben in den letzten drei Jahren sehr hart gearbeitet, um allen Anforder­ungen des IOC gerecht zu werden und haben alle Forderungen der WADA absolut erfüllt. Wir haben allen Rollsportsparten die Türen geöffnet und den Sportdirektoren des IOC gezeigt, wie spannend und aufregend unsere Disziplinen, besonders im Speed­skating-Sektor sind. Sie haben die Weltmeisterschaft in Spanien 2008 besucht und waren überrascht wie athletisch und spannend die Rennen waren. Weiterhin wohnte in diesem Jahr der japanische IOC Vize-Präsident den World Games bei und war beeindruckt und überrascht von dem großen öffentlichen Interesse an dem Event. Tausende Menschen waren als Zuschauer vor Ort und gaben dem Event eine warmherzige Atmosphäre. Und zu sehen, wie 40 Skater auf einem 200 m Kurs mit mehr als 50 km/h um den Sieg konkurrieren, ist wirklich aufregend. Wir waren überzeugt, dass wir gewählt werden würden. Einer der Hauptgründe ist z. B., dass wir bei den Frauen und bei den Männern die gleiche Situation haben. Wir haben eine starke Entwicklung besonders in Kolumbien und insgesamt auf allen Kontinenten. Bei den letzten Weltmeis­ter­schaften waren 57 Nationen vertreten. Es ist nicht leicht eine andere nichtolympische Sportart zu finden, bei der 57 Länder an einer Weltmeis­terschaft teilnehmen und wo der Verband seine ganzen finanziellen Mittel zur Verfügung stellt. Wir haben die Medaillen auf 14 Nationen und vier verschiedene Kontinenten verteilt. All diese Tatsachen zeigen, dass unser Sport ein globaler Sport ist. Wir haben keine Probleme mit der Bestimmung der Ergebnisse, wir haben keine Abstimmungen im Kampfgericht. Wir haben die Zeitmessung und das Fotofinish. Die Ergebnisse sind sicher. Deswegen waren wir auch sehr stolz, als wir um die Aufnahme in das Olympische Programm baten, da wir der Meinung waren und immer noch sind, eine sehr athletische und auf­regende Sportart zu präsentieren. Und wenn man der Meinung der Medien der letzten Wochen vor der Abstimmung Glauben schenkte, sollten wir als Rollsport gemeinsam mit Karate wohl die zwei Sportarten sein, die vom IOC ausgewählt werden würden. Aber am Ende entschied sich das IOC für zwei wichtige Sportarten, die eine gute finanzielle Unterstützung für das IOC gewährleisten können. Zum Einen bedeutet das, dass Golf, das auf der Welt zwar sehr bekannt, aber mit Sicherheit nicht so athletisch und spannend für die Zuschauer ist wie Speedskating. Aber sie haben eine Menge Geld. Und die andere Sportart ist Rugby, das ich wirklich sehr mag. Aber um ehrlich zu sein mag ich Rugby 15 am meisten, denn das ist der beste Rugby Sport und kein Zweiter-Klasse-Sport wie Rugby 7, das in Europa noch nicht mal gespielt wird und im Allgemeinen auf der Welt nicht sonder­lich bekannt ist.

skate-IN: Wie sieht es für die Zukunft aus? Was ist das nächste Ziel für das Inlineskating?

Roberto Marotta: Ich habe 50 Jahre in meinem Sport verbracht. Zuerst als Athlet und nun als Offizieller. Als Athlet habe ich einige Male verloren, aber am Ende wollte ich immer gewinnen. Das ist meine Einstellung, ich will kämpfen. Nach Kopenhagen, wenn die letzte Entscheidung gefallen ist, werden der Präsident der FIRS, Sabatino Aracu und ich sehr klar miteinander sprechen. Wir brauchen die Hilfe und die Unterstützung der Medien, sie können uns die Plattform für unsere Ideen und die Darstellung unseres Sports geben. Anschließend wollen wir einen Werbefeldzug über die ganze Welt beginnen, vorausgesetzt, dass die Medien uns die Möglichkeit geben einem großen Publikum unsere Überzeugungen näherzubringen.
Mein Gefühl sagt mir, dass die olympische Bewegung erneuert werden muss, besonders das leitende Gremium. Wir müssen die Philosophie ändern und können nicht weiter der von vor 200 Jahren folgen. Es gibt keinen Grund die Anzahl der Sportarten auf 28 zu limitieren und es gibt auch keinen Grund dafür, dass manche Sportarten im olympischen Programm bleiben, nur weil sie die Einnahmen der Fernsehsender sichern können. Manche Sportarten, die jetzt im Programm sind, würden, sobald sie aus dem olympischen Kreis herausfielen, sterben, weil sie ohne das Geld von den Fernsehsendern nicht leben. Wir dagegen demonstrieren mit unserem Sport, dass wir den Menschen helfen zu leben und das mit unserer eigenen Kraft. Wir müssen die olympische Landkarte verändern, die Olympische Bewegung erscheint mir wie eine Oligarchie. Die meisten der Offiziellen sind so stolz darauf dicht mit dem IOC-Direktorium verbunden zu sein, dass sie selbst, wenn sie anderer Meinung sind, diese nicht äußern. Sie sind bereit diesen Preis für die Übereinstimmung mit dem Direktorium zu zahlen.
Nach Kopenhagen werden wir unser Gefühl gegenüber der Welt artikulieren und erklären, was unsere Ideen für die Zukunft sind, um die gesamte Olympische Bewegung umzukrempeln.
Aber wir brauchen wirklich den richtigen Kanal, um unsere Ideen darzustellen, da nicht bloß die Sportler, sondern auch die Medien sehr stark mit dem IOC verbunden sind. Sie wollen sich nicht gegen die Entscheidungen der Behörde auf­lehnen.
Einige IOC Mitglieder, die über die Sportarten abstimmen, haben selbst noch nie irgend­einen Sport ausgeübt. Sie sind Prinzen, wichtige Per­sonen, aber wissen rein gar nichts über den Sport, Sie wissen nicht, was läuft. Selbst die IOC Mitglieder, die wir eingeladen haben sich unsere Veranstaltungen anzuschauen, sind nicht gekommen. Sie haben Angst davor sagen zu müssen: „Oh ja, das ist tatsächlich ein guter Sport!“ Manchmal sprechen sie über uns, aber sie kennen unsere Welt, unsere Wettkämpfe, unsere Events nicht. Sie kennen die Welt unserer Athleten nicht. Einige unserer Sportler wechseln am Ende ihrer Karriere aufs Eis und gewinnen nach zwei Jahren Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen. Und dass am Ende ihrer Karrieren, wenn sie es nicht mehr schaffen Speedskating­rennen zu gewinnen. Wir haben eine Basis von Millionen skatenden Menschen auf der ganzen Welt. Der Eisschnelllaufverband versucht unsere Sportler aufs Eis abzuwerben. Das ist nicht fair. Es ist nicht fair, dass das IOC die Situation nicht erkennt. Sie demonstrieren damit, dass sie zwar gute Geschäftsleute, aber keine Sportsmänner sind.