Interview mit der deutschen Speedskating-Nationalmannschaft
in Interviews | Autor: Gaby Junginger | Tags: deutsche Speedskating-Nationalmannschaft, Interview
WIR SIND WELTMEISTER!
Erfolgreich kehrte die deutsche Speedskating-Nationalmannschaft von der diesjährigen Weltmeisterschaft in China zurück, mit drei WM-Titeln und drei Bronzemedaillen im Gepäck.
skate-IN befragte die Medaillengewinner Sabine Berg, Jana Gegner, Mareike Thum und Felix Rijhnen zu ihren persönlichen Eindrücken.
skate-IN: Wir gratulieren euch zu eurem ganz außerordentlichen Erfolg bei der WM in China. Wenn euch das jemand prophezeit hätte, was hättet ihr dem geantwortet?
Sabine: Ich denke, niemand hätte mit dem Erfolg gerechnet. Umso besser ist das Ergebnis, das heraus gekommen ist.
Jana: Hätte ich nie gedacht.
Mareike: Das immer alles möglich ist.
Felix: Was mich betrifft hätte ich wohl „träum weiter!“ geantwortet. Für Sabine und Mareike hatte ich ähnliche Erfolge erwartet.
skate-IN: Späte Anreise, kaum Chancen auf der Bahn, habt ihr immer daran geglaubt, dass eure Zeit noch kommt? Welchen Part haben die Trainer dabei gespielt?
Sabine: Die Hoffnung geht nie verloren, trotz einiger Rückschläge, haben wir immer versucht das Beste heraus zu holen. Die Trainer haben ständig versucht eine gute Stimmung in das Team zu bekommen.
Jana: Da wir leider erst einen Tag vor Wettkampfbeginn angereist sind, war es für uns unmöglich unsere eigentlichen Leistungen auf der Bahn abzurufen. Man braucht mindestens eine Woche, um sich an die herrschenden Bedingungen zu gewöhnen, vor allem in Übersee. Deshalb habe ich mich auch erst langsam am letzten Straßentag in der Lage gefühlt meine Leistungen abzurufen und zuletzt beim Marathon. Aber da war die WM ja schon wieder gelaufen. Ich hätte gern gesehen, ob ich bessere Leistungen erbracht hätte, wenn wir früher angereist wären. Schade!
Mareike: Nach den ersten zwei Rennen dachte ich, das ich gar nicht mehr „in Fahrt“ komme, ich habe dann kaum noch an einen eventuellen Erfolg auf der Straße gedacht. Nachdem Sabine aber auf der Straße Gold geholt hatte, war sich zumindest Arnauld sicher, dass wir es alle schaffen können vorne mit zu laufen.
Felix: Als unser Anreisedatum bekannt gegeben wurde, habe ich mich schon auf ähnliche Szenarien eingestellt, sodass ich damit relativ gut umgehen konnte. Es war trotzdem ein schlechtes Gefühl, wenn man während der Bahnwettkämpfe nicht zeigen konnte, für was man das ganze Jahr trainiert hat.
skate-IN: Wie habt ihr überhaupt den Jetlag, die Umstellung verkraftet? Ging das problemlos oder hattet ihr auch mit Krankheiten zu kämpfen?
Sabine: Der Jetlag war am Anfang schon deutlich spürbar, ab die Umstellung verlief ohne weitere Zwischenfälle durch Krankheiten.
Jana: Wie schon gesagt, wenn man erst einen Tag vor Wettkampfbeginn anreist, ist es unmöglich sehr gute Leitungen abzurufen. Es steckt einem noch die lange Reise in den Beinen, man muss sich an die Bahn gewöhnen, sowohl physisch als auch technisch und dazu die Rollen testen. Zudem braucht der Sportler Zeit, um sich auf die Wettkämpfe vorzubereiten, es braucht seine Eingewöhnung. Der Eine kommt schneller mit den Bedingungen zurecht und der Andere braucht ein wenig länger. Na ja, zum Glück konnte ich immer gut schlafen, da ich von der 42-stündigen Reise noch ordentlich Schlaf nachholen musste.
Mareike: Die ersten Tage waren gar nicht so schlimm, erst am dritten Tag habe ich gemerkt wie schnell ich schlapp war. Leider hatte ich auch immer nach den Bahnrennen Bauchkrämpfe, wo die herkamen, weiß ich aber leider nicht.
Felix: Den Jetlag haben wir alle relativ gut verarbeitet. Das wesentlich größere Problem war das Klima und vor allem die anstrengende Reise, von der wir uns nicht erholen konnten, bevor die Wettkämpfe gestartet wurden.
skate-IN: Was zeichnet die diesjährige Aktiven-Nationalmannschaft eurer Meinung nach besonders aus? Womit begründet ihr euren Erfolg?
Sabine: Ich denke das Damenteam ist ein sehr junges Team, das auch schon in den letzten Jahren bei den Junioren sehr erfolgreich war, sich somit schon sehr gut kennt und aufeinander einstellen kann. Dies ist ein sehr großer Schwerpunkt. Jeder erfreut sich an dem Erfolg der Teamkollegen und baut sich daran auf.
Jana: Da wir dieses Jahr ein sehr kleines Team waren, lief es um einiges harmonischer. Absprachen zwischen Sportler und Trainer und auch den Sportlern untereinander konnten individueller gemacht werden. Oftmals konnten auch die Sportler selbst Entscheidungen treffen oder mitbestimmen. Dadurch verlief alles lockerer und nicht so hektisch. Meinen Erfolg begründe ich durch mein hartes Training, welches ich vor der WM absolviert habe. Ich denke, dass ich noch nie so fit war. Diese Leistung hätte ich gern schon in den vorherigen Rennen auch unter Beweis gestellt.
Mareike: Wir sind ein relativ junges Team und sind vor allem hoch motiviert.
Felix: Wir haben uns alle gut verstanden und jeder hat sich über die Erfolge des anderen gefreut. Das war in den letzten Jahren nicht der Fall und sicherlich auch ein wichtiger Faktor, der zu unseren gemeinsamen Erfolgen geführt hat.
skate-IN: Auf der Bahn haben Korea, China Taipeh die Rennen dominiert. Wie habt ihr die Bahnwettkämpfe erlebt, was hat euch Probleme bereitet, was hat euch überrascht?
Sabine: Wir hatten nur eine kleinere Trainingseinheit vor Beginn der Bahnwettkämpfe und konnten uns erst im Wettkampf besser auf die Bahn einstellen. Deswegen lief es auch von Rennen zu Rennen besser. Ich denke, uns hat einfach die Eingewöhnungsphase gefehlt.
Jana: Wie schon gesagt, braucht es seine Zeit, um sich an die Bahn zu gewöhnen, gerade als Sprinter. Man muss im Training schnelle Kurven gelaufen sein und sich hundertprozentig sicher sein wie man die Kurve laufen möchte. Genau diese Bedingungen haben mir Probleme bereitet. Hinzu kommt noch, dass die anderen Nationen, vor allem die Asiaten, an Stärke zugelegt haben und super Techniker auf der Bahn sind. Deshalb war die Bahn für mich so zu sagen nur zum Eingewöhnen für die Straßenwettkämpfe, mit der Hoffnung das es dort besser läuft.
Mareike: Ich hatte schon in den Ergebnislisten der World Games gesehen, dass die Asiaten vorne mitlaufen. Das hat mir allerdings keine Probleme bereitet, es hat mich eher motiviert diesen Winter wieder mehr zu trainieren, um auch auf der Bahn weiter vorne mitlaufen zu können.
Felix: Es war sehr beeindruckend wie stark die Asiaten besonders bei den Bahnwettkämpfen waren und gleichzeitig erschreckend, dass die europäischen Skater im mehr ins Hintertreffen gedrängt werden.
skate-IN: Wenn ihr die Stärke von den asiatischen Ländern auf dieser Bahn vergleicht mit eurer Stärke auf der Straße – um zukünftig auf der Bahn erfolgreicher zu sein, was wäre da eurer Meinung nach das richtige Trainingskonzept? Ist die Stärke einer Mannschaft auf der Bahn gleichbedeutend mit einer „automatischen“ Schwäche derselben Mannschaft auf der Straße bzw. umgekehrt? War es vorhersehbar, dass die asiatischen Mannschaften auf der Straße weniger erfolgreich sein würden?
Sabine: Ich vermute, dass es nicht am Training lag, sondern einfach die Vorbereitung vor Ort. Es gab keine richtige Eingewöhnung und es fehlte einfach noch das Flair für die Weltmeisterschaften in China.
Jana: Ich denke nicht, dass wir Deutschen falsch trainieren. Ich kann von mir sagen, dass ich immer 100 % im Training gebe und stehe auch mit 100% hinter den Trainingsinhalten. Nur das wir nicht den ganzen Tag nur für den Sport leben und nebenbei noch andere Verpflichtungen haben. Außerdem werden die Topsportler in Korea, Taipeh und China von Sponsoren unterstützt, sodass sich keiner um finanzielle Sachen kümmern muss. Sie können all ihre Energie für ihren Sport aufgeben.
Des weitern haben wir in Deutschland leider keine Bahn mit dem Vemascobelag. Uns bleibt nichts anderes übrig als auf Asphaltbahnen zu trainieren, welche überhaupt nicht schlecht sind und ich gern darauf laufe. Aber wenn in Zukunft nur noch Weltmeisterschaften auf Bahnen mit Vesmarcobelag stattfinden sollen, werden Nationen, die diese Bahnen nicht haben immer hinterher laufen. Auf der Straße ist es schon wieder anders. Wir laufen auf Asphaltbahnen die vom Belag her der Straße sehr ähneln und bestreiten Straßenwettkämpfe. Ich denke, dass wir dadurch unsere Stärken unter Beweis stellen können.
Mareike: Ich denke, es liegt eventuell daran, das wir solche Bahnen in Deutschland nicht haben, außerdem waren die Asiaten bei den World Games auf der Bahn auch gut.
Felix: Der erste Schritt um auch auf der Bahn erfolgreich zu sein, ist eine frühzeitige Anreise! Wie sollen die deutschen Läufer mit anderen Skatern konkurrieren, die bereits seit einem Monat oder länger auf den Wettkampfbahnen trainieren? Zudem sind wir natürlich stark benachteiligt, da wir nicht die Möglichkeit haben auf Vemasco-Tracks zu trainieren, wie sie bei Weltmeisterschaften Standard sind. Das muss unbedingt geändert werden! Ich bin nicht der Meinung, dass man als guter Bahnskater automatisch schlechtere Leistungen auf Straßenkursen bringt. Wer beides trainiert, wird sowohl auf Bahnen, aber auch auf Straßenkursen erfolgreich sein.
skate-IN: Beschreibt uns bitte die „deutschen Medaillen-Rennen“ aus eurer Sicht, lasst uns ein wenig an euren Gedanken bzw. Gefühlen teilhaben. Was war die Taktik, was passierte im Rennen, gab es brenzlige Situationen, was passierte im Finish?
Sabine: Wir haben versucht die Taktik von Arnauld umzusetzen, dies gelang uns dann doch sehr gut und somit verliefen die Straßenrennen sehr erfolgreich. Im 20.000 m Rennen lief die Mannschaft für mich. Mareike arbeite sehr gut für mich und gab wirklich alles. Kurz vor Schluss des Rennens gab es noch einmal einen Sturz, und so hatte ich noch einmal Zeit, um mich zu regenerieren. Eine Runde vor Schluss konnte ich mich dann an die Spitze des Feldes setzen und diese Führung mit Zielschritt verteidigen.
In der Staffel lief es um einiges besser als auf der Bahn, es konnte sich keiner absetzen. Es gingen keine Ausreißversuche und somit blieben wir bis zum Schluss dran. Als ich den letzten Wechsel von Mareike bekam, der bewusst stark war, war mein Ziel wenigstens eine Medaille. Ich sprintete von Position 4 auf 1 und holte somit Gold!
Den Marathon sind wir alle recht locker, ohne Druck gelaufen und liefen als Team sehr gut zusammen. Als die letzte Runde eingeläutet wurde, formierten wir uns zu dritt im vorderen Feld. Ich zog dann den Endsprint an und Jana konnte die Position hinter mir fast halten.
Jana: Im Staffelrennen kann ich nur sagen, dass wir super Wechsel hatten, um unsere Positionen im Feld gekämpft haben und Bine einen super Endsprint hatte.
Beim Marathon nicht anders. Wir haben uns den kompletten Marathon im Feld aufgehalten, haben in der letzten Runde Position um Position gutgemacht und als der Zielsprint losging, sind Bine und ich vorbei bis ins Ziel. Keiner konnte mehr überholen.
Mareike: Zu Sabines „Goldrennen“ kann ich zumindest sagen, das ich mich geärgert habe so früh ausgeschieden zu sein. Allerdings habe ich zumindest versucht, ihr so gut wie nur möglich zu helfen.
Bei der Staffel, war ich schon froh, dass wir im Finale waren, egal, welchen Platz wir dann gemacht hätten, ich hätte mich gefreut. Dass es Gold wurde, was sich ja erst in der letzten Kurve entschieden hat, damit hatte ich nicht gerechnet.
Der Marathon war dann noch mal der krönende Abschluss, gleich zwei Deutsche unter den ersten 3 Damen.
Vor allem habe ich mich aber über Felix dritten Platz gefreut, noch viel mehr als über meinen eigenen, weil ich einfach jeden Tag sehen kann wie hart er trainiert. Er ist immer motiviert und lässt sich auch von niemandem „runter“ ziehen. Er hat es einfach verdient.
Felix: In dem Marathonrennen der Herren habe ich mich in möglichst vielen Ausreisversuchen positioniert, die allerdings nie eine wirkliche Erfolgschance hatten. Auf den letzten 10 km habe ich mir eine relativ gute Position erarbeitet und viel Kraft investiert, um diese zu verteidigen. Etwa 6 km vor Schluss gab es eine Attacke des gesamten neuseeländischen Teams, die das Feld in zwei Gruppen gerissen hat. Ich war noch in der zweiten Hälfte und habe darauf spekuliert, dass andere die Lücke wieder schließen. So kam es dann auch, sodass das Feld 4 km vor dem Ziel wieder vereint war und eine entscheidende Attacke von dem Neuseeländer Reyon Kay gesetzt wurde. Ihm folgte noch ein Skater aus Ecuador, die beiden konnte schnell einige Meter zwischen sich und das Feld bringen. Ich habe weiter meinen Platz in der Gruppe behauptet, aber ca. 700 m vor dem Ziel entschieden, dass ich von meiner Position aus keine Chance im Sprint habe. Also habe ich alles auf eine Karte gesetzt, habe meinen Sprint sehr früh gestartet und bin an der Gruppe vorbei. Als ich sehr schnell an die Spitze der Gruppe gekommen war, ist Joey Mantia vor mich gesprungen und ich bin ihm gefolgt. Als ich sein Tempo einige Zeit mitgehen konnte und gesehen habe, dass es andere Topsprinter nicht schafften, wusste ich, dass ich wirklich schnell bin. Ab dann habe ich keine Erinnerung mehr und weiß nur noch, dass ich im Ziel die Arme in die Luft gestreckt habe und mich riesig gefreut habe. Joey konnte noch beide Ausreißer „einfangen“, ich war Zweitschnellster im Sprint und habe den Skater aus Ecuador auch noch überholen können. Das was dann der 3. Platz und die Bronzemedaille.
skate-IN: Wie war euer Gesamteindruck von dieser WM im Hinblick auf Organisation, Medien, Zuschauer?
Sabine: Der Gesamteindruck der WM in China war soweit ganz positiv. Es wurde gute Medienarbeit geleistet. Fernsehen war da und die Stadt war mit Plakaten tapeziert.
Die Zuschauer waren vorübergehend am Nachmittag da. Dann aber sehr zahlreich!
Jana: Die komplette WM war von den Organisatoren sehr gut ausgerichtet. Es hat dieses Mal alles gestimmt, was sehr angenehm war.
Mareike: Es war im Großen und Ganzen gut organisiert, wobei es ja bei jeder WM den einen oder anderen Fauxpas gibt. Zuschauer waren, zumindest zu den Finals der Langstrecken, immer viele da. Die Rennen des Tages wurden immer im chinesischen Fernsehen in den Nachrichten gezeigt.
Felix: Die Organisation war nicht die beste. Von den Medien in China habe ich nicht besonders viel mitbekommen und Zuschauer gab es zwar, aber wir sind durch Kolumbien und Korea sehr verwöhnt, was das angeht.
skate-IN: Abschließend, was bedeutet euch diese WM?
Sabine: Ich denke diese WM wird lange in Erinnerung bleiben, da sie die erfolgreichste WM für das deutsche Team war. China ist jedes Mal wieder ein Erlebnis!
Jana: Nachdem ich zur DM mit meinen Leistungen in ein tiefes Loch gefallen war, hätte ich nie gedacht, dass die Saison so enden und ich mit zwei Medaillen nach Hause komme würde. Deshalb bedeutet die WM mir sehr viel.
Mareike: Es hat mir gezeigt, dass sich Deutschland sowohl bei den Damen als auch bei den Herren in der Weltspitze durchsetzten kann.
Felix: Mein bisher größter Erfolg und ein Traum, der wahr geworden ist!